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Selbstgemachte Brühwürfel aus dem Eisfach

Biosphärenreservat Rhön bot in Hilders Workshop zu Fertigprodukten und Nahrungszusatzstoffen an / Reihe wird im September fortgesetzt

 

Hilders (sl). Seit vielen Jahren wirbt das Biosphärenreservat Rhön für regionale, hochwertige Lebensmittel. Deshalb passte der Workshop über Fertigprodukte und Zusatzstoffe in Lebensmitteln gut in das Veranstaltungsprogramm der hessischen Biosphärenreservatsverwaltung zwischen Angebote wie Naturführungen und andere Umweltbildugsveranstaltungen. 

 

13 Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer hatten sich in der Küche der Konrad-Zuse-Schule in Hilders eingefunden. Sandra Limpert, die beim Ausbildungsverbund Rhöner Lebensmittel e.V. als Lehrköchin tätig ist und gemeinsam mit Auszubildenden dreimal wöchentlich für die Ulstertalschule das Mensaessen kocht, wollte sensibilisieren. 

 

Doch die 14 Teilnehmer hatten sich alle schon mehr oder weniger mit diesem Thema beschäftigt. „Das zeigt mir, dass immer mehr Menschen Wert auf gesunde, authentische Lebensmittel legen“, meint Sandra Limpert. Sie freute sich nach eigenen Worten über den regen Austausch von Erfahrungen und Tipps.

 

Zunächst nahm sie die großen Nahrungsmittelkonzerne kritisch in Augenschein. „Im Jahr 2007 verzehrte jeder Deutsche täglich im Schnitt 500 Gramm industriell aromatisierte Speisen. 75 Prozent aller verzehrten Speisen stammen in Deutschland aus industrieller Produktion“. In den USA seien es 95 Prozent.

 

Auf den Einwand hin, dass die Regierung schon dafür sorge, dass keine gesundheitsschädigenden Zusatzstoffe verwendet werden dürften, berichtete sie von den „Codex-Alimentarius-Konferenzen“, in denen die Qualitätsstandards festgelegt würden. Zwischen 1989 und 1991 hätten dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit 2552 Vertreter der Industrieverbände und 26 Vertreter von Verbraucherverbänden getagt. Auch die einzelnen Mitgliedsstaaten der Welternährungsorganisation (FAO) und Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsenden Vertreter. Für die USA sei dies beispielsweise Coca Cola gewesen, für die Schweiz Nestlé. Dass bei diesen Konferenzen tatsächlich die Gesundheit der Verbraucher im Mittelpunkt steht, „wage ich angesichts der Überzahl der Industriegesandten zu bezweifeln“, meinte die Köchin und berief sich bei diesen Informationen auf das Buch „Vorsicht Geschmack“ von Hans-Ulrich Grimm, Cornelia Hoicke und Udo Pollmer. Das Buch sei stellenweise polemisch-unterhaltsam verfasst, aber dennoch informativ für jeden, der wissen wolle, was genau er sich mit Design-Food überhaupt einverleibe.

 

Auf der einen Seite verstehe sie sehr gut die Gründe, die immer mehr Menschen zu sogenannten Convenience-Produkten greifen ließen. Die Alternative, beispielsweise für die Selbstversorgung der Familie einen Garten zu bewirtschaften und möglichst viel selbst zu kochen, bedeute, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen.

 

Die Vorteile der Zusatzstoffe lägen nicht nur in der Zeitersparnis, sondern auch im intensiven Geschmack. Sie ging auf den Geschmacksverstärker Natriumglutamat ein und berichtete von dessen Erfindung. Von verschiedenen Verbraucherorganisationen werde dieser als bedenklich oder sogar gesundheitsgefährdend eingestuft, zum einen, weil er Fehlgeschmack, der auf verdorbene Nahrung hinweist, übertüncht. Selbst Klärschlamm hätten Probanden eines Experiments verzehrt, nachdem er mit Glutamat „gewürzt“ worden war. Als problematisch gelte der Zusatzstoff aber vor allem, weil er im Verdacht stehe, Migräne, Asthma und ADHS auslösen zu können. Eine Teilnehmerin berichtete dies aus eigener Familienerfahrung. Neurologisch betrachtet, handele es sich bei Glutamat um ein Rauschgift, da in Tierversuchen die winzigen Kristalle die Blut-Hirn-Schranke überwunden hätten.

 

In Gruppenarbeit wurden zwei Produkte auf ihre Werbung und den tatsächlichen Inhalt hin untersucht: Das Joghurt-Getränk Actimel, das von Danone wie eine Medizin beworben wird und dafür 2009 von der Verbraucherorganisation foodwatch mit dem „Goldenen Windbeutel“ für dreiste Werbung „ausgezeichnet“ worden ist und die beliebte und scheinbar in der Küche unentbehrliche Instant-Gemüsebrühe. Während sich die Teilnehmer über Werbefloskeln wie „besonders gemüsig“ Gedanken machten, köchelte Sandra Limpert im Hintergrund aus „Küchenabfällen“ (genauer Schalen, Stielen und Blättern von Kohl, Möhren, Kohlraben, Sellerie, Lauch und Pastinaken) eine echte Gemüsebrühe. Hauptbestandteil der Instant-Brühe ist Salz, gefolgt von Glutamat. Der Gemüseanteil beläuft sich tatsächlich auf rund 8 Prozent.

 

Selbst den Preisvergleich brauchte die frische Brühe nicht zu scheuen: War sie doch im Vergleich wesentlich ergiebiger als die Brühe von Maggi. Viel Arbeit mache eine solche Brühe nicht, köchele sie doch von allein vor sich hin. Die Köchin riet, zur ständigen Verfügbarkeit den Fonds in kleinen Portionen (z.B. in Eiswürfelbehältern) einzufrieren, und dann immer zur Hand zu haben, wenn man eigentlich „auf die Schnelle“, wie zum Ablöschen von Soßen, zu einem Brühwürfel gegriffen hätte. „Mir gefällt besonders, dass hierbei Reste noch eine gute Verwendung finden“, merkte Teilnehmerin Irma Enders aus Elters an. Eine Teilnehmerin aus Hohenroda beschrieb, welche „Maggi-Alternative“ sie seit Jahren selbst herstellt: mit Salz vermischte, kleingehackte getrocknete Liebstöckel-Blätter hat sie zum Würzen in ihrer Küche parat.

Bei der Verkostung der frischen Gemüsebrühe erntete Sandra Limpert viel Lob. „Mmmmh – viel besser als Maggi oder Knorr!“, lautete das einstimmige Urteil.

 

Die zweite Gruppe hatte sich mit dem Joghurt-Drink befasst, der mit 4,20 Euro / Liter relativ teuer ist. „Wenn man überlegt, wie viel Geld die Lebensmittel-Industrie in die Werbung steckt, kommt der Verdacht auf, dass sie dafür an anderer Stelle spart“, gab die Köchin und Restaurant-Fachfrau zu bedenken. Jedes Jahr brächte der Konzern Nestle´ 130 neue Lebensmittel auf den Markt, die ja allesamt beworben werden müssten, nähme aber zugleich 100 Artikel wieder vom Markt. Das stimmt so;(Nestlé als weltgrößter Produzent von „Verzehrprodukten“).

 

Eine preisgünstigere – und wegen des wesentlich geringeren Zuckergehalts sogar gesündere Alternative ohne Aromastoffe zu dem industriell gefertigten Trinkjoghurt – präsentierte die Kursleiterin ebenfalls: in Form eines alkoholfreien Pina Coladas, den sie als Dessert für die Ulstertalschüler kreiert hatte. „Als ein Mädchen diese Woche sagte, dieser schmecke wie Actimel Kokos kam mir die Idee des Vergleichs der beiden Produkte für heute Abend“, plauderte die 34jährige aus dem Nähkästchen. Für 1,69 Euro / Liter mixte sie aus Naturjoghurt, Anananssaft, Kokosmilch und einem natürlichen Süßungsmittel wie (Agavendicksaft hatte ich an diesem Abend), Birnendicksaft oder Honig einen erfrischenden Nachtisch. Doch damit endete der Vergleich mit dem bekannten Markenprodukt, weil keiner der Anwesenden Appetit auf den Inhalt der kleinen Actimel-Plastik-Fläschchen hatte – und dies, obwohl sie zuvor intensiv die verheißungsvolle Werbung auf sich hatten wirken lassen.

 

In der Schulküche verzichtet die Köchin komplett auf jegliche Zusatzstoffe und bereitet alle Zutaten (z.B. Soßen) selbst zu. Beschwerden der oftmals an Industrienahrung gewöhnten Kinder habe es noch nicht gegeben. „Bei den Kindern müssen wir ansetzen“; meinte Herr Rehberg aus Hünfeld, der einzige Mann in der Runde. Sonst sind wir auch ganz schnell bei dem Anteil von 95 Prozent, wie in den USA.“

 

Auch als die Veranstaltung offiziell vorbei war, unterhielten sich die Teilnehmer angeregt in lockerer Runde weiter. Während des Abends waren Fragen zu den Themen Süßstoffe, Aromen und Konservierungsmittel aufgetaucht. Sandra Limpert kündigte an, dass sie die Workshop-Reihe „Was uns entlasten soll, belastet uns“, in diesem Jahr fortsetzt, dann jedoch als Kurs der Volkshochschule des Landkreises Fulda. Die Termine sind an fünf aufeinanderfolgenden Montagen vom 6. September bis 4. Oktober. Da die Zweigstellenleiterin gerne einen Kurs zu „schneller Küche“ im Programm gehabt hätte, trägt ein weiterer Kurs am 04. November den Titel „Schnelle Küche = organisierter Koch“. Denn so schnell, wie die Berufstätigen, die abends müde und hungrig von der Arbeit nach Hause kommen, es gerne hätten, lasse sich ohne Fertigprodukte nichts Gutes kochen. Besser finde sie den Ansatz, wie beispielsweise die Handelskette tegut ihn mit den „Drei-Zutaten-Rezepten“ propagiere: Speisen mit wenigen Zutaten, von denen ein Teil aus einem stets vorhandenen Grundstock stammt, so dass der Extra-Einkauf vorm Kochen als Zeitfaktor entfällt.

 

„Man kann nicht von heute auf morgen alles umkrempeln und zum Selbstversorger werden“; resümierte Irma Enders. Aber man könne umdenken und im Einzelnen seine Gewohnheiten ändern. „Und dafür habe ich heute Abend viele wertvolle Tipps erhalten.“

 

Anmelden können sich Interessierte ab Beginn des 2. Semesters bei Zweigstellenleiterin Marita Staubach unter der Telefon-Nummer 06681 / 1514